Albert Marcus Kluge - Hypothese über die Dreiteilung der Welt - Metaphysik aus reiner Unterscheidung

Leseprobe zur „Dreiteilungshypothese“

 




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Kapitel I:  Die Hypothese über die Dreiteilung der Welt


14. Wir erfahren die Welt als eine Viel­heit von Verschie­denem. Besser gesagt, wir erfahren ständig eine Viel­heit von Verschie­denem und nennen diese „die Welt“. Wobei wir „Verschiedenes“ in zunächst einfachster Weise, in einem er­fahrenen „dieses und nicht jenes“ ver­stehen wollen und unter „Er­fah­ren“ ganz all­gemein, ein Unter­schei­den von eben solchen Ver­schie­denen, in dieser einfach­sten Weise. Ein jedes zur Viel­heit dieser Welt Gehö­rende ist in irgen­deiner Hinsicht verschie­den von jedem anderen zu ihrer Viel­heit Gehö­renden. Die Ge­mein­sam­keit alles Vielen der Welt liegt in der all­seitigen Ver­schie­den­heit aller Vielen von­einander. Für den das Viele Er­fah­renden ist dieses Viele immer gleich allem Vielen der Welt, nichts geht darüber hinaus, nichts bleibt da­hinter zurück. Die Viel­heit des Verschie­denen der Welt ist jedem diese Viel­heit Erfah­renden offen­kundig, für ihn unver­meidbar und von ihm unhinter­gehbar.


15. Was uns alles schnell einsichtig wird, wenn wir uns klar ma­chen, dass es für unser Er­fah­ren der Viel­heit des Ver­schie­denen der Welt völ­lig egal ist, was wir in einer sol­chen Viel­heit von Ver­schie­denem erfah­ren oder wie wir eine solche Viel­heit von Ver­schie­denem erfah­ren oder auch als wie­viel Vieles wir eine solche Viel­heit von Ver­schie­denem erfah­ren, son­dern dass es dafür nur erfor­der­lich ist, dass wir eine Viel­heit von Ver­schie­denem erfah­ren, eine Vie­lheit von Ver­schie­denem, die wir als solche aber stets erfah­ren. Ein wie auch immer „fal­sches Erfah­ren“ dieser Viel­heit von Ver­schie­denem, als die Viel­heit des Ver­schie­denen der Welt, ist unmög­lich.


16. Wenn wir die Welt als eine Vielheit von Verschie­denem erfah­ren, dürfen wir daraus ablei­ten, ein jedes aus dem Vielen exis­tiert auch genau in der Weise, in der wir dieses als verschie­den von allem ande­ren aus dem Vie­len erfah­ren? Dürfen wir also „Ver­schie­denes“ und „Exis­tie­ren­des“ als gleich­bedeu­tend verste­hen oder müs­sen wir zwi­schen die­sem und jenem noc­hmals unter­schei­den? Die Be­grün­dung, der für unsere Unter­suchung zentra­len An­nahme einer solchen Gleich­setzung, ist nun die, dass wir uns genau des­halb dazu be­rech­tigt fühlen, diese Gleich­setzung we­nigs­tens zu pos­tu­lieren, weil wir im Er­fah­ren des Vie­len, zwischen Ver­schie­denem und Exis­tie­rendem gar nicht noch­mals unter­schei­den können.


17. Diese aus der Erfahrungsgewissheit des verschie­denen Vielen abge­lei­tete Gleich­setzung von „Verschie­denem“ und „Existie­rendem“ kön­nen wir aber nur postu­lieren und nicht wie auch immer bewei­sen. Müssten wir doch für eine be­weis­fä­hige Gleich­set­zung von Verschie­denem und Exis­tie­ren­dem, ein be­stimm­tes Ver­ständ­nis von Exis­tieren­dem über­haupt bereits irgend­wie vor­aus­setzen, welches wir mit eben dieser Gleich­setzung aber erst fest­legen wollen. Ganz all­gemein, weil auf diesem Wege ja über­haupt erst eine sichere Grund­lage für onto­logi­sche Aus­sagen und Schluss­folger­ungen geschaf­fen werden soll. Und nicht zu­letzt, weil mit einer forma­len Gleich­set­zung von „Exis­tie­ren­dem“ und „Ver­schie­denem“ allein noch gar nicht fest­gestellt ist, worauf dieser Zusammen­hang, jenseits der bloßen Erfah­rung, denn ei­gent­lich in der Sache beruht, was wir für eine be­weis­taugli­che Prü­fung zu wis­sen hät­ten, gerade mit­hilfe dieser Gleich­set­zung aber erst auf­zu­decken hoffen. Wir wollen die nur zu postu­lie­rende Gleich­set­zung von Ver­schie­denem und Exis­tie­rendem dennoch indirekt fes­tigen und uns ver­ständ­licher ma­chen, indem wir ei­nige auf der Hand liegen­de Ein­wände da­gegen zurück­weisen.


18. Ein erster Einwand ist: wir erfahren doch vieles als verschie­den vonein­ander, was aber nicht exis­tiert. Zum Bei­spiel wenn wir uns etwas von anderem Verschie­denes nur vor­stellen oder Ähn­liches. Aber alles, was wir als verschie­den von anderem erfah­ren, exis­tiert genau in dem Sinne, indem wir es als verschie­den von ande­rem erfah­ren. Dage­gen einzu­wenden, die Exis­tenz der Vor­stellung eines Gegen­standes darf nicht ver­wechselt werden mit der Exis­tenz des Gegen­standes dieser Vor­stellung, ver­kennt, dass es hier gar nicht um etwa die Vor­stellung von etwas geht, sondern um ein Erfah­ren von etwas über­haupt, als etwas Verschie­denes, auch etwa in einer oder als eine Vor­stellung. So verstan­den können wir un­möglich einer­seits etwas (was auch immer) als (wie auch immer) verschie­den er­fahren und anderer­seits zugleich behaup­ten, dieses als verschie­den Erfah­rene, in genau dem Sinne, indem wir dieses als verschie­den erfahren, exis­tiere gar nicht.


19. Ein zweiter Einwand ergibt sich aus der Umkeh­rung des ersten: Es exis­tiert doch vieles, was wir nicht, oder nur gerade nicht, als verschie­den von anderem erfahren. Zum Bei­spiel unbeach­tete Dinge hinter unserem Rücken oder Ähn­liches. Um jedoch dafür zu zei­gen, dass etwas, was wir nicht als ver­schie­den von anderem erfahren, gleich­wohl existiert, muss dieses ja dennoch irgend­wie erfasst, also als etwas von an­derem Ver­schie­denes er­fah­ren wer­den, und zwar genau so, wie wir die­ses gerade als existie­rend verstehen. Jeder Ver­such, Existie­rendes über das gerade erfah­rene Ver­schie­dene hinaus zu behaup­ten, ist also nur mög­lich, in­dem im Wider­spruch dazu, sol­ches Exis­tie­ren­des zu­gleich be­reits eben­falls als etwas ent­sprechend Ver­schie­denes erfah­ren wird.


20. Ein dritter Einwand ist: unterschiedliches Erfah­ren von Ver­schie­de­nem führt doch zu wider­sprüch­lichen Exis­tenz­behaup­tungen. Zum Bei­spiel wenn jemand etwas als verschie­den erfährt, jemand anderes aber nicht. Doch selbst wenn andere nicht als verschie­den erfahren, was wir als verschie­den erfahren, eine Täu­schung über eine solche Erfahrung, die wir gerade machen, wäre für uns ein un­möglicher Selbst­wider­spruch. Selbst wenn wir Täu­schungen über­haupt für möglich hielten, gilt: Eine Täu­schung ist für uns keine, wenn wir von ihr wissen und eine Täu­schung ist für uns keine, wenn wir nicht von ihr wissen. Wir können ledig­lich behaup­ten, andere täuschen sich, oder diese können be­haupten, wir täuschen uns. Sogar wenn wir selbst, etwa zu einem späteren Zeit­punkt, eine wie auch immer andere Er­fahrung machen als zuvor, ändert deren Gültig­keit zu diesem späteren Zeit­punkt, nichts an der Gültig­keit unserer vor­herigen Erfah­rung zum vorhe­rigen Zeit­punkt, wie ebenso umge­kehrt nicht.


21. Dass mit unterschiedlichen Erfahrungsperspektiven unter­schied­liche Erfah­rungen über „die Welt“ einher­gehen oder wir selbst wech­selnde und un­ter­schied­li­che Er­fah­rungs­perspek­tiven auf „die Welt“ ha­ben, sollte ei­gent­lich so­wie­so kein Grund zu ernst­hafter Ver­wunde­rung sein. (Wenn etwas ver­wundert, dann wohl eher, dass Er­fah­rungen aus unter­schied­lichen Pers­pek­tiven auch zu glei­chen Exis­tenz­be­haup­tun­gen füh­ren kön­nen.) Das Pro­blem der un­ter­schied­lichen Erfah­rungen, un­ter­schied­licher Exis­tenz­erfah­rungen, be­steht, wenn wir in un­se­rem U­nter­suchen doch aus­drück­lich vom Er­fahren aus­gehen, auch weniger in da­raus fol­genden ver­meint­lichen Wi­der­sprüchen hin­sicht­lich der Existenz von etwas, sondern viel mehr darin, zu­erst diese unter­schied­lichen Erfah­rungen der Exis­tenz von etwas selbst, in einen wider­spruchs­frei­en Zu­sam­men­hang bringen zu müssen. Und dieser Fra­ge, nach den Zu­sammen­hängen solcher unter­schied­lichen Er­fah­rungen, geht wie­derum die grund­legende­re Frage nach dem Er­fahren des Exis­tie­ren­den bezie­hungs­weise Ver­schie­de­nen noch vor­aus, die wir aus nur einer ein­zelnen Pers­pek­tive he­raus stel­len. Fragen zur Pro­blema­tik multi­perspek­tiver Erfah­rungen von Ver­schie­denem und Exis­tie­rendem kön­nen sinn­voll erst ge­stellt werden, wenn dafür das mono­pers­pek­tive Er­fahren, und da­mit auch das Er­fahren von Ver­schie­denem und Exis­tie­ren­dem über­haupt, schon hin­rei­chend aus­führ­lich auf­gearbei­tet wurde, was wir hier ja gerade tun wollen.


22. Die für den weiteren Verlauf unserer Unter­suchung wich­tigste An­nahme über­haupt besagt also: was wir als verschie­den erfah­ren, ver­stehen wir als ebenso exis­tierend und was wir als exis­tierend ver­stehen, erfah­ren wir als ebenso verschie­den, be­zieh­ungs­weise wir setzen „verschie­den“ und „existie­rend“ ein­ander gleich, weil wir beides im Erfah­ren des Vielen gar nicht von­einan­der tren­nen können. Der Kern dieses Postu­lats lautet: was exis­tiert, ist von (was auch immer) anderem ver­schieden, und was von (was auch immer) anderem verschie­den ist, exis­tiert, oder: zu exis­tieren heißt, sich zu unter­scheiden be­ziehungs­weise unter­schieden zu werden, aber auch: zu exis­tieren heißt, von (was auch immer) anderem ver­schieden zu exis­tieren, und lautet zusammen, wobei wir „existie­ren“ und „sein“ be­deutungs­gleich benutzen wol­len, und sehr viel ein­präg­samer: „sein heißt verschieden sein!“


23. Dieses so bestimmte „Existenzpostulat“, in der Gleich­setzung von Verschie­denem und Existie­rendem be­ziehungs­weise (be­deutungs­gleich ver­standen) Sei­endem, ist der archi­medi­sche Punkt für unsere gesamte Unter­suchung, an dem wir alle unsere argu­menta­tiven Hebel ansetzen werden, da dieses Postulat uns mit dem „verschie­den sein“ sowohl einen logisch als auch einen onto­logisch fass­baren und belast­baren Zugang eröffnet, zu dem, was „sein“ eigent­lich genau bedeutet, und was uns auf diesem Wege sichere Aus­sagen über alles „Seiende“ beziehungs­weise alles „Seiende als Seiendes“ und sogar darüber hinaus erlauben wird. Mit dieser Vor­überle­gung, durch die uns das erfah­rene viele verschie­dene Seiende der Welt, als Vieles so auch zählbar und darin sogar berechen­bar geworden ist, führen wir nun im nächsten Schritt die erfah­rene Viel­heit der Welt auf eine dieser Viel­heit zugrunde­liegen­de Einheit zurück.


24. Wir erfahren die Welt als eine Vielheit von Verschie­denem. Woher aber kommt das Viele? Nicht das Viele von bestimm­ten Verschie­denen beziehungs­weise von bestimm­ten Seienden, son­dern das Viele nur als Vieles? Kommt dieses Viele als Vieles aus mehr als diesem Vielen, sodass sich die Viel­heit der Welt immer weiter verrin­gert oder kommt dieses Viele als Vieles aus weniger als diesem Vielen, sodass sich die Viel­heit der Welt immer weiter vergrö­ßert oder bleibt dieses Viele als Vieles immer gleichviel Vieles, sodass die Viel­heit der Welt immer unver­ändert bleibt?


25. Kommt das Viele aus mehr als diesem Vielen, heißt das gleich­bedeutend, wenn vorher Vieles war, muss jetzt weniger Vieles sein. Aber im Wider­spruch dazu erfahren wir, aus Vielem wird nie weniger, sondern stets mehr. Denn wir können im Erfahren von Vielem, kein Vieles durch ein weniger Vieles ersetzen, etwa indem wir fest­stellen, das nunmehr weniger Viele existiert jetzt und das vorherige Viele existiert jetzt nicht mehr, da unserem Existenz­postulat zufolge, alles, was wir als wie auch immer (ver­schie­denes) Vieles erfahren, ontologisch gleich­wertig ist, nämlich darin, dass es ist, das heißt existiert. Um ein nunmehr weniger Vieles gegenüber einem zuvor Vielen zu erfahren, müssen wir ja beide Viel­heiten (als Viel­heiten) erfahren, wie sollte „weniger“ sonst verstanden werden?, wodurch das somit erfahrene gesamte Viele, als das erfahrene aktuelle Viele, mit und in diesem Vergleich aber gerade nicht weniger als das zuvor Viele geworden ist, sondern mehr. Das Viele kommt also nicht aus mehr als diesem Vielen und ein­sich­tiger­weise bleibt mit der gleichen Über­legung das Viele auch nicht das diesem Vielen gleichviel Viele. Das Viele kommt demnach aus dem weniger Vielen. Nur dieser Verlauf steht mit unserem auch bei dieser Annahme un­vermeid­baren Erfahren eines immer mehr werdenden Vielen im Einklang.


26. An dieses so festgestellte vorherige weniger Viele kön­nen wir nun er­neut die glei­che Frage nach dem Woher dieses weniger Vie­len rich­ten und erhal­ten auf dem glei­chen Wege wie zuvor auch die glei­che Ant­wort wie zuvor: das weni­ger Viele kommt aus dem noch weni­ger Vielen. Die­ses Ver­fah­ren kön­nen wir fort­setzen, so­lange das jeweils vor­hergehen­de weni­ger Vie­le noch ein Vie­les ist. Es endet erst, wenn an­stelle des weni­ger Vie­len nur noch Ei­nes steht. Denn Ei­nes ist kein Vie­les mehr, was die Fra­ge, woher das Viele als Vie­les kommt, beant­wor­tet: das Viele kommt aus Einem!


27. Wir sind hinsichtlich unserer Frage nach dem Vielen be­zie­hungs­weise nach dem Verschie­denen beziehung­sweise nach dem Seienden, mit dem Einen an einem gewissen Endpunkt angelangt. Diesen „Endpunkt“ oder besser „Anfangs­punkt“ oder „Einheits­punkt“, können wir aller­dings nicht mehr als exis­tierend, nicht mehr als ein Seiendes verstehen, da dieses nur noch Eine, nicht mehr dem vom Existenz­postulat für Seiendes geforderten „ver­schieden sein“ (von was auch?) ent­sprechen kann. Damit werden weitere und schwierige Fragen aufgeworfen: Was be­deu­tet es, wenn etwas kein Seiendes ist, beziehungs­weise was, etwas als nicht Verschiedenes zu verstehen, aber gleich­wohl doch irgend­wie als irgend­etwas? Was heißt es für „die Welt“ im Ganzen, wenn ihr anfäng­licher Einheits­punkt nicht existiert? Und nicht zuletzt: können wir über diesen nicht existie­renden Einheits­punkt hinaus, dennoch in sinn­voller Weise nach einem noch tieferen Ursprung der Welt suchen? Wir werden in späteren Kapiteln Antworten auf all diese Fragen geben.


28. Schöpfen wir aber zunächst den eingeschlagenen „numeri­schen Weg“ noch etwas weiter aus. Jetzt gehen wir aller­dings in der umgekehr­ten Rich­tung vor, vom nunmehr (wie auch immer genau) als etwas „Erstes“ beziehungs­weise als ein „Anfang der Welt“ verstan­denen (nicht verschie­denen) Einen wieder zurück zum (verschie­denen) Vielen. Mit der Frage, wie aus Einem Vieles wird, fragen wir aber nicht, ob dieses überhaupt möglich ist, denn dass das Viele aus Einem entsteht, wissen wir schon, die Vie­lheit der Welt erfahren wir ja, von dieser offen­sicht­lichen Grund­erfahrung sind wir ausge­gangen. Wir fragen (vorerst) auch nicht, wie sich viel­leicht ein Über­gang vom Einen zum Vielen voll­zieht. Bevor wir uns mit so etwas wie einem Über­gang beschäf­tigen können, müssen wir erst mehr darüber wissen, wohin ein solcher Über­gang führen soll, also über das Viele.


29. Was wir bereits vom Vielen beziehungsweise von den Vielen wissen, ist aus mit diesen einhergehender Erfahrung, deren all­seitige Ver­schieden­heit vonein­ander als solche, und durch Ab­lei­tung, dass Vieles (wie auch immer) aus Einem kommt. Wenn wir nun fragen, wie das Viele aus Einem entsteht, fragen wir damit also auch nach dem Entstehen des Vielen als Ver­schie­denem. Da­nach, was das „verschie­den sein“ der ver­schie­denen Vielen eigen­tlich genau aus­macht. Wir fragen nach den Be­zie­hungen, die die aus Einem entste­henden und vonein­ander verschie­denen Vie­len unter­einander haben müssen, um von uns über­haupt als auch verschie­dene Viele erfah­ren werden zu können.


30. Wie wird also aus dem Einen im Anfang der Welt das Viele? Aus Einem wird Vieles durch „Teilung“. So nennen wir die nume­rische Ver­mehrung von Einem zu Vielem (verschiedenen Vielem). Die einfachste und naheliegendste Teilung des Einen in Vieles ist eine Teilung in die offenbar kleinstmögliche Vielheit von zwei von­ein­ander Verschie­denen. Ange­nommen unsere Welt besteht nun­mehr (aus­schließ­lich!) aus diesen zwei Tei­len. Was macht diese beiden Teile ver­schieden von­ein­ander, was unter­scheidet sie, damit wir diese über­haupt gemäß der „Grund­erfahrung“ als zwei Verschie­dene und gemäß dem „Exis­tenz­postulat“ als zwei Existie­rende (Seiende) erfah­ren und ver­stehen können?


31. Was sie voneinander unterscheidet, sie zu einem erfahrenen „dies und nicht das“ macht, kann nur das eine oder das andere Teil selbst sein, weil sonst ja noch nichts existiert und weil uns es das Existenzpostulat nicht erlaubt, einfach zusätzlich einen „Un­ter­schied“ zu den beiden Teilen hin­zuzu­nehmen, da wir einen solchen „Unter­schied“ (gege­nüber den Teilen) als etwas Verschie­denes erfahren würden und damit als ein weiteres Existie­rendes verstehen müssten, wobei wir aber aus­drück­lich nur zwei existie­rende Teile ange­nommen haben. Ist der Unter­schied dem­zufolge mit einem der beiden Teile identisch, ist er aber offen­sicht­lich nicht zugleich ver­schieden von diesem einen Teil, was er zum Unter­scheiden beider Teile vonein­ander jedoch sein müsste. Es gibt damit keinen Unter­schied zwischen nur zwei Teilen, weshalb diese zwei Teile, in Nicht­erfüllung des Existenz­postulats, auch nicht existieren können. Eine Teilung des Einen in zwei Teile ist also grund­sätzlich unmöglich.


32. Eine Teilung des Einen in drei Teile vermeidet das Problem des fehlenden Unterschieds, wie bei dem Versuch einer Teilung in zwei Teile, und bietet uns darüber hinaus die Möglichkeit, auch dieses dritte, unterscheidende Teil selbst wieder von den anderen beiden Teilen zu unterscheiden, wenn wir dafür annehmen, ein jedes der drei Teile sei der Unterschied für die jeweils anderen beiden Teile. Die drei Teile, als drei Un­ter­schiedene beziehungsweise drei Un­ter­schei­den­de, stützen sich auf diese Weise gegen­seitig in ihrem „verschieden sein“, gemäß Existenz­postulat in ihrem „sein“, das heißt, sie existieren alle drei. Eine Teilung des Einen in drei Teile ist damit grund­sätzlich möglich.


33. Die Annahme einer Teilung des Einen in vier Teile wirft wieder ein Problem auf. Drei der Teile können sich zwar gegenseitig unterscheiden, wie gerade beschrieben, das vierte Teil aber kann etwa vom ersten Teil nur durch das zweite Teil oder das dritte Teil unterschieden werden. Wenn durch das zweite Teil, unterscheidet das zweite Teil sowohl das erste Teil vom dritten Teil als auch das erste Teil vom vierten Teil, was zusammen nicht möglich ist, da die Unterschiede von einem Teil zu zwei anderen (eben­falls von­ein­ander zu unter­schei­denden) Teilen nicht die gleichen Unter­schiede sein können, also nicht nur ein Unter­schied sein kann. Ebenso scheitert der Versuch, das vierte Teil durch das dritte Teil vom ersten Teil zu unter­scheiden, in ent­sprechen­der Weise. Gleiches gilt für die Unter­scheidung des vierten Teils vom zweiten Teil wie auch vom dritten Teil, und so weiter. Eine Teilung des Einen in vier Teile ist somit nicht möglich.


34. Eine angenommene Teilung in fünf Teile vergrö­ßert dieses Pro­blem sogar noch. Gegen­über der Teilung in vier Teile, kommt bei dieser Fünf­teilung ein weiteres Teil hinzu, welches zwar ein feh­lender Unter­schied für das vierte Teil der Vier­teilung gegenüber den anderen drei Teilen sein könnte, der uns dort fehlte, welches aber auch selbst wieder Unter­schiede zu allen anderen vier Teilen benötigt, die alle nicht vor­handen sind. Wenn sich aber nicht jedes der fünf Teile von den jeweils übrigen vier Teilen unter­scheidet, können wir gar nicht von fünf ver­schie­denen Teilen sprechen. Für sämt­liche weiteren und höher­zahligen Teilungs­versuche gilt erst recht, immer mehr Unter­schiede sind erfor­derlich, als Teile dafür zur Ver­fügung stehen. Für jedes durch ein weiteres Teil gestopfte Loch entstehen sogar zu­nehmend mehr Lücken. Eine Teilung des Einen in fünf oder mehr Teile ist damit eben­falls unmöglich.


35. Wenn wir von Einem ausgehen, ist die einzig mögliche Lösung des Teilungs­problems, der Teilung dieses Einen in Vieles, und damit die Lösung des Teilungs­problems überhaupt, eine Teilung in genau drei Teile. Und dieses Prinzip setzt sich weiter fort. Eine Teilung nunmehr eines dieser drei Teile führt mit genau den gleichen Über­legungen wie zuvor zu einer weiteren Teilung in notwendiger­weise wiederum genau drei Teile. Dies gilt ebenso für alle weiteren Teilungen eines jeden beliebigen Teiles, welches durch eine solche Teilung entstanden ist: Jede Teilung ist eine Dreiteilung! Es gibt keine Ausnahme. Das beantwortet die Frage nach dem Entstehen des Vielen als Verschie­denem aus Einem überhaupt. Das von uns als verschieden erfahrene Viele der Welt, alles, was existiert, muss grund­sätzlich auf das Ergebnis von „Dreiteilungen“ zurück­zuführen sein.


36. Um dieser weitreichenden, jedoch so bisher nur sehr formalen Be­haup­tung mehr Ge­halt zu ver­lei­hen und sie zu ei­ner wis­sen­schafts­taug­li­chen Hypo­these aus­zu­bau­en (zur „Hypothese über die Dreiteilung der Welt“), müssen wir dafür die gerade auf­ge­zeigte, grund­legende aller­erste Teilung in not­wendig genau drei Teile, be­ziehungs­weise eine einzelne darin ver­standene „Drei­tei­lung“ über­haupt, aber noch etwas ge­nauer be­trach­ten, was uns dann erst in die Lage ver­setzen wird, da­rauf auf­bau­end, wie ge­mäß der da­raus hervor­ge­hen­den Hypo­these, und erst im La­ufe der gesam­ten Un­ter­su­chung, die be­haup­teten drei­tei­ligen Zu­sam­men­hänge aller vie­len ver­schie­denen Sei­enden der Welt auch auf­zu­zeigen.


37. Was können wir also über die genaue logische be­ziehungs­weise onto­logische Form einer solchen „Drei­teilung“ aus­sagen? Wir wissen nun, ihre drei Teile sind ver­schieden von­einander und ein jedes der Teile unter­scheidet die jeweils anderen beiden Teile von­einander. Dafür gibt es bei drei Teilen, drei Unter­scheidungen dieser Teile von­einander be­ziehungs­weise durch­einander. Doch diese drei Unter­scheidungen als solche, nur als Unter­scheidungen, unter­scheiden sich nicht von­einander. Das die jeweils anderen beiden Teile unter­scheidende Teil ist in allen drei Fällen nur ein unter­scheiden­des Teil als solches und die beiden unter­schie­denen Teile sind in allen drei Fällen nur zwei unter­schie­dene Teile als solche. Wir haben zwar drei Teile, die von­einander und durch­einander ver­schieden sind, nicht aber als Ver­schiedene, also nicht als von­einander Unter­schiedene be­ziehungs­weise als durch­einander Unter­scheidende, darin sind sie alle drei nicht ver­schieden. Würden wir dennoch inner­halb einer Teilung drei solche wie­derum unter­schie­denen Unter­schei­dungen annehmen, hätten wir nicht mehr nur drei Teile, sondern bereits neun Teile von­einander zu unter­scheiden, was aus den zuvor genannten Gründen aber nicht möglich ist.


38. Daraus ergibt sich die zunächst wohl etwas seltsam er­schei­nende Folge­rung, dass sich uns jede Drei­teilung im Ergebnis nicht in drei verschie­denen onto­logischen Formen, mit jeweils einem Unter­schied beziehungs­weise Unterschei­denden und zwei Unterschie­denen, in wech­selnden Rollen zeigt, sondern in nur einer einzigen beson­deren Form, mit genau einem bestimm­ten unter­scheidenden Teil und genau zwei bestimm­ten unterschie­denen Teilen, ungeachtet dessen sich alle drei Teile von­einander und durch­einander unter­scheiden. Bestimmen wir diese nur eine, besondere onto­logische Form der Drei­teilung näher:


39. Die beiden besonderen unterschiedenen Teile sind als un­terschiedene Teile miteinander vertauschbar. Das eine Teil ist vom anderen Teil ebenso unterschieden wie das andere vom einen, durch das besondere, sie unterscheidende dritte Teil. Sie sind so nicht unterscheidbar bezüglich ihrer gegenseitigen Ver­schie­den­heit von­einander und den­noch verschie­den von­einander. Das unter­schiedene Teil, welches nicht das eine ist, ist das andere und welches nicht das andere ist, ist das eine. Wir nennen diese beiden Teile einander „gegen­teilig“ oder einfach „Gegen­teile“. Das eine besondere unter­scheidende dritte Teil hat dagegen kein Gegen­teil beziehungs­weise kann als sein eigenes Gegen­teil verstanden werden. Wir nennen es auch das „neutrale“ Teil oder einfach das „Neutrale“. Mit dem Vorherigen zusammen gilt: jede Teilung ist eine Drei­teilung, in ein beson­deres neutra­les Teil und zwei be­sondere einander gegen­teilige Teile.


40. Wir können diese Teilung des Einen, die erste Tei­lung über­haupt, den ge­wis­ser­maßen „onto­logi­schen Ur­knall“ in die Welt der Sei­en­den hi­nein, dem im Er­geb­nis alle wei­te­ren Tei­lun­gen der Form nach gleich sind, aus den auf­ge­zeig­ten logi­schen und onto­logi­schen Not­wen­dig­keiten he­raus, auch als einen „drei­fachen Symmetrie­bruch“ ver­stehen und be­schrei­ben, der im Er­gebnis die drei ver­schie­denen Sei­enden hervor­bringt: Der „erste Symmetrie­bruch“ ist der von numerisch Einem in numerisch Drei, der „zweite Symmetrie­bruch“ ist der von nu­merisch Dreien in drei von­ein­ander und durch­einander Verschie­dene, der „dritte Sym­metrie­bruch“ ist der von drei von­ein­ander und durch­einander Ver­schie­denen in ein besonderes unter­schei­den­des Neu­trales und zwei beson­dere unter­schie­dene Ge­gen­teilige, und damit in die drei ver­schie­denen Sei­enden. Über die ge­nau­ere Aus­gestal­tung und Be­deu­tung solcher „in­neren Struk­turen“ der Drei­teilung kön­nen wir uns aber sinn­voll erst äußern, wenn wir ihre onto­logi­schen Mer­kmale auch jen­seits der drei exis­tie­renden Teile besser verstanden haben, wofür wir jedoch erst in spä­teren Ka­piteln die Mittel in die Hand bekommen.


41. Veranschaulichen wir uns die Grundidee der „Dreiteilung“ in einem einfachen Gedankenexperiment: Stehe ein gewöhnliches Blatt Papier für das nur Eine im Anfang der Welt. Reißen wir dieses eine Blatt nun einmal durch, wie viele Teile sind es jetzt? Scheinbar genau zwei Teile, und sogar einander gegen­teilige Teile. Was aber trennt beziehung­sweise unter­scheidet diese beiden Teile von­ein­an­der? Der freie Raum, der zwi­schen ihnen erkenn­bar gewor­den ist? Wir hatten aber doch nur eines vor­gegeben, das eine Blatt, nicht zusätz­lich noch einen „Raum“, den wir für eine Tren­nung der bei­den Blatt­hälften nutzen könn­ten. An­derer­seits benö­tigen wir dennoch not­wendig irgend­etwas, das genau diese Rolle eines Da­zwischen­liegen­den, Ver­binden­den be­ziehungs­weise Tren­nen­den ein­nimmt, um die beiden Hälften von­einander zu unter­schei­den. Wo­her aber sollte ein solches unter­scheiden­des Drittes kom­men, wenn nicht, ebenso wie die beiden Hälften, aus dem heraus, was zuvor das eine Blatt war?


42. Die beiden Blatt-„Hälften“ sind also nur zwei von drei Teilen, in die das eine Blatt (= das anfäng­liche Eine der Welt) nunmehr geteilt wurde. Und da das gleiche ein­sichtiger­weise auch für diese so entstandenen drei Teile gilt, wenn diese wiederum geteilt werden und ebenso für deren Teile, und so beliebig weiter, muss dies letztlich sogar auch für genau dasjenige Blatt Papier gelten, welches wir zur Demon­stration dieses Gedanken­experimentes vielleicht tatsächlich in den Händen halten und nur scheinbar in zwei Teile, tatsächlich aber in drei Teile zerreißen! Dass wir dabei das unterscheidende, neutrale dritte Teil weder sehen noch bislang in der Sache sonst wie genauer benennen oder verstehen können, ändert nichts an dessen zweifel­loser Existenz, gemäß den Not­wendig­keiten unserer bisherigen Über­legungen.


43. Die im Titel unserer Schrift genannte „Hypo­these über die Drei­teilung der Welt“ besagt also: jede Tei­lung ist eine Drei­teilung, jedes Existie­rende der Welt existiert nur als ein Teil des Ergeb­nisses einer Teilung in not­wendig genau drei Teile, die sich alle drei von­einander und durch­einander unter­scheiden sowie in zwei auf besondere Weise einander gegen­teiligen Teilen und in einem auf besondere Weise zu diesen beiden Teilen neutralen beziehungs­weise selbst­gegen­teiligen dritten Teil bestehen, als die besondere logische beziehungs­weise onto­logische Form einer jeden Drei­teilung. Diese Hypo­these wollen wir nun im weiteren Verlauf der Unter­suchung, nicht nur durch zahl­reiche prakti­sche Beispiele zu bestätigen versuchen, sondern auch theo­retisch nach und nach aus­bauen sowie nicht zuletzt grund­legende meta­phy­sische Folge­rungen und Er­kennt­nisse daraus ableiten.


© 2019 Albert Marcus Kluge



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kleiner Auszug aus


Albert Marcus Kluge

Hypothese über die Dreiteilung der Welt

Anregung für eine Metaphysik aus reiner Unterscheidung

Band 1:  Grundlagen

BoD,  2019

288 Seiten - 11,80 €

ISBN: 9783739219745


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